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Spreewälder Lieblingsplätze - Zu Hause in der Waltersdorfer Kirche

12.01.2006

An die Birke erinnert sich Annegret Gehrmann genau. Der Baum war bereits mehr als einen halben Meter groß und reckte sich an einer Stelle in Richtung Licht, wo eigentlich keine Gehölze zu wachsen haben – in einem Fenster des Waltersdorfer Kirchenchores. Das war 1987.

 

Der Feldsteinbau war völlig verwahrlost. In der Kirche hatte bereits seit Jahrzehnten kein Gottesdienst mehr stattgefunden. Knapp 19 Jahre später ist längst wieder Leben in dem Gotteshaus. Und die 46-Jährige sagt über ihren Lieblingsplatz: "Hierher zu gehen ist immer ein bisschen so, als wenn man nach Hause kommt."

 

Die Langengrassauerin Annegret Gehrmann kennt die Gotteshäuser rund um Luckau aus dem Effeff. Die vierfache Mutter ist die Vorsitzende des Förderkreises "Alte Kirchen der Luckauer Niederlausitz", dem 18 Gotteshäuser angehören. Sie ist die Frau des Langengrassauer Pfarrers Frank Gehrmann, der für zwölf Kirchen zuständig ist.

 

Annegret Gehrmann koordiniert für die Gemeinde die kurz vor dem Abschluss stehenden Sanierungsarbeiten an der Luckauer Nikolaikirche.

 

Die 46-Jährige stammt ursprünglich aus Hartmannsdorf bei Zwickau. Sie hat Städtebau studiert. "Danach wollte ich in die Denkmalpflege. Das ging zu DDR-Zeiten aber nicht", erzählt sie. 1987 ist Familie Gehrmann nach Langengrassau gezogen. Gehrmanns fanden eine innen völlig "verstaubte und verwahrloste" Waltersdorfer Kirche vor.

 

"Das Dach war kaputt, die Fenster waren eingeworfen", sagt Annegret Gehrmann. Und sie entdeckte die Birke im Chor. "Die Kirche war zu diesem Zeitpunkt bestimmt schon 20, 25 Jahre lang nicht genutzt worden", erzählt die Kirchenfachfrau. Weshalb das so war, darüber kann sie nur spekulieren.

 

"Waltersdorf war auch zu DDR-Zeiten ein Gutsdorf." Hier hatte das Volkseigene Gut seinen Sitz. "Der sozialistische Einfluss war wohl sehr groß. Es gab keine genügend große Gegenkraft."

 

Eine der ältesten Kirchen

Dabei zählt die Waltersdorfer Kirche neben der in Riedebeck zu den ältesten Gotteshäusern der Region. Der spätromanische Feldsteinbau ist irgendwann in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden. Annegret Gehrmann zeigt auf das Portal, die Steine an den Mauerecken, die erhaltene Priesterpforte – überall dort wurde kein einfacher Feldstein, sondern Raseneisenstein verwendet. "Das Material ließ sich leichter bearbeiten", erläutert sie.

 

Dann kam die Wende und mit ihr die Idee, die Waltersdorfer Kirche zu sanieren. Doch bis zur Wiedereinweihung am 22. Juni 1997 war es ein weiter Weg. "Die Kirchen in der Region haben alle das gleiche Problem", sagt die Förderkreis-Vorsitzende. "Es sind große, alte Häuser mit meist kleinen Gemeinden, die versuchen die Substanz zu erhalten."

 

Der originale Zustand der Gotteshäuser ist jedoch für Annegret Gehrmann auch ein "Pfund, mit dem sich wuchern lässt und um das uns viele beneiden". Denn etwa gleich alte Kirchen in den alten Bundesländern "sind in den 70er-Jahren innen völlig beräumt worden. Wenn man Glück hat, steht dort noch der alte Altar".

 

1992 wurde das Waltersdorfer Kirchendach neu eingedeckt, 1994 bis 1995 erfolgte die Reparatur der Fenster. "Die Hülle war erst einmal wieder geschlossen", sagt Annegret Gehrmann. Was dann folgte, beschreibt die Pfarrers-Frau mit "Aufbruchstimmung": Aus einer Gruppe junger Gemeindemitglieder wuchs der Wunsch, in der Waltersdorfer Kirche wieder einen Weihnachtsgottesdienst zu feiern.

 

Restauratoren und Mitarbeiter vom kirchlichen Bauamt schauten sich die alten Farbschichten an den Wänden an. Der Kirchenraum zeigte sich bis dato in einem "schmutzigen Violett, gepaart mit Kakao-Braun", so Annegret Gehrmann. "Die Kirche ist innen 1953 vollständig übermalt worden – selbst Orgelprospekt, Kanzel, Taufstein und Altar." Zwei weitere Jahre dauerte die Renovierung, heute erstrahlt der Innenraum in hellen Gelbtönen. "Fast alles ist in Eigenleistung entstanden", sagt die 46-Jährige.

 

"Das Schöne daran ist, dass auch Leute aus dem Dorf geholfen haben, die traditionell keine Beziehung zur Kirche haben." 20, vielleicht sogar 30 Helfer haben mit angepackt.

 

Dokumentation vergessen

Auch Annegret Gehrmann war "sechs Wochen lang jeden Tag" mit Farbeimer und Pinsel in der Kirche. "Ich habe in der Zeit eine sehr starke Beziehung zu diesem Raum aufgebaut. Ich komme rein und fühle mich wohl", sagt sie. "Wenn man ein solches Projekt angeht, lebt man in der Hoffnung, dass man es auch schafft."

 

Leider gibt es keine Fotos aus der verwahrlosten Zeit. "Beim Blick nach vorn haben wir vergessen, den alten Zustand zu dokumentieren", erzählt die Langengrassauerin. Sie geht zum Altar. Er ist erst 2004 in der barocken Fassung von 1730 restauriert worden.

 

"Ursprünglich ist es ein Renaissancealtar von 1622, der wurde im Barock erweitert", weiß die Fachfrau. Auf der Rückseite ist das Datum erkennbar. Auf dem Weg zur Orgel fällt der Blick auf alte Pfeifen. Sie hängen an der Wand der früheren Gutsherrenloge. "Die Pfeifen stammen aus einem romantischen Register", erklärt Annegret Gehrmann.

 

"Da sie in eine barocke Orgel nicht hinein gehören, wurden sie bei der Restaurierung 1998/99 wieder ausgebaut." Gegen eine Spende werden die ausgedienten Pfeifen abgegeben. "Es gibt immer mal wieder Liebhaber", sagt sie. Die Einnahmen werden gebraucht: "Wir wollen dieses Jahr auch den Zimbelstern, das kleine Glockenspiel in der Orgel, wieder spielbar machen."