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Drehorgel-Konzert für die große Schwester

24.03.2014

Denkwürdigkeiten hat es am Sonntag in der Zöllmersdorfer Kirche gleich mehrere auf einmal gegeben. Schon zehn Minuten vor dem Konzert-Beginn müssen Platzanweiser in der vollen Kirche tätig werden. Vor dem Altar steht nicht Pfarrer Frank Gehrmann, sondern stehen zwei Drehorgeln.

 

Und auf der Orgelbank, die seit anderthalb Jahrzehnten verwaist gewesen ist, nimmt ein Musiker Platz.


Lydia Küchholz und ihr Sohn Joachim Petschat als „Leipziger Leierkasten-Leute“ gastierten mit ihren beiden Drehorgeln, und Lydia Küchholz genoss das Wiedersehen mit ihrer Heimat sichtlich.

 

Vor dem Konzert-Beginn hatte die heute 84-Jährige drei Schulfreundinnen im Publikum ausgemacht. Vor 70 Jahren war die Tochter des damaligen Dorfschullehrers von Zöllmersdorf weggegangen, nun trafen sich die Frauen wieder.


Die beiden „Leipziger Leierkasten-Leute“ wollten der Orgel in der altehrwürdigen Kirche Gutes tun. „Ich habe als Zehn- und Elfjährige selbst auf der Orgelbank gesessen“, erinnerte sich Lydia Küchholz. „Aber bis auf die Pedale kam ich damals nie, weil meine Beine noch zu kurz waren.“


Dafür entdeckten sie und ihr Sohn vor 35 Jahren die Liebe zur „kleinen Schwester“ Drehorgel. Küchholz erinnerte daran, dass diese Instrumente in Zeiten ohne Radio und Schallplatte die einzigen Möglichkeiten zur Verbreitung der Gassenhauer aus Opern und Operetten waren.


Vor Konzertbeginn hätte kaum einer im Publikum geglaubt, dass von Drehorgeln unter anderem das „Halleluja“ aus Händels „Messias“ oder der „Fröhliche Landmann“ von Robert Schumann so klangvoll ertönen könnten. „Den ,Landmann’ habe ich damals bei meiner Luckauer Klavierlehrerin einstudiert“, erinnerte sich Lydia Küchholz.


Vor der Orgelbank hatte inzwischen Axel Beierl von der Orgelbau-Firma Beckmann aus Friesack seine Noten geordnet. Gäste trauten ihren Ohren kaum, als das Instrument um 17.15 Uhr nach 15 Jahren in einem Konzert ihr Schweigen mit einer „Pastorale“ von Domenico Zipoli brach.


Das Instrument mit sieben Registern und einem Manual hatten Beierl und Orgelbaumeister Matthias Beckmann von Grund auf restauriert, Bälge im Gebläse erneuert und die verrotteten Spielzüge wieder gängig gemacht.


Was als Drehorgel- und Orgelkonzert gedacht war, wurde zur fröhlichen Zwiesprache der Instrumente mit ihren Hörern. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud’“ in Drehorgel-Begleitung und dem Gesang der Konzertbesucher dürfte es so noch nicht gegeben haben.


Von den beiden Drehorgeln erklangen unter anderem Bachs Menuett aus dem „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“, Leopold Mozarts „Kindersinfonie“ und das festliche Prelude aus Charpentiers „Te Deum“, das alle als Europa-Hymne kennen.


Die große Orgel, als deren Erbauer Glietsch vermutet wird, musizierte unter den Händen von Axel Beierl unter anderem eine barocke Fuge von Brixen und das Choral-Vorspiel „Lobe den Herren“.


Pfarrer Frank Gehrmann verwies auf die Kosten für die Orgel-Rekonstruktion, die mit mehr als 3000 Euro noch nicht gedeckt seien. Die Kollekte nach dem Konzert wird beim Schließen der Finanzlücke geholfen haben.  (-ds)

 

Foto: Lydia Küchholz und ihr Sohn Joachim Petschat als „Leipziger Leierkasten-Leute“ haben mit barocken und klassischen Melodien ein Benefiz-Konzert für die Rekonstruierung der Glietsch-Orgel in der Zöllmersdorfer Kirche gegeben.